Computergestütztes Lernen und Unterstützte Kommunikation für Schülerinnen und Schüler mit einer körperlichen / geistigen Beeinträchtigung

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Reine Dynamic Display contra Minspeak (Mai 2005)

eingestellt am: 26.10.2008, 16:11 Uhr
eingestellt von: Wolfgang Schaible
über den Autor: Mitglied der CLUKS-Redaktion, Technischer Lehrer am "Medienberatungszentrum für Kinder und Jugendliche mit körperlichen Beeinträchtigungen" an der August-Hermann-Werner-Schule in Markgröningen.

Beschreibung:

Reine Dynamic Display contra Minspeak (Textausschnitte aus der Mailingliste AK-SfK, Mai 2005)

 

Small-Talker, Powertalker, Delta-Talker ...

 

Da ist die Strategie, der Aufbau schon vorgegeben. Je nach Gerät und eingestellter Oberfläche ist ein mehr oder weniger großes Vokabular von Anfang an vorhanden. Das System der Symbol-Verknüpfung haben die SchülerInnen schnell verstanden. Grammatik-Funktionen stehen zur Verfügung. Außerdem soll für den Small-Talker eine Oberfläche mit 84 Tasten herauskommen. Das heißt er kann dann fast soviel wie ein Power-Talker und hat ein dynamische Display.

 

Leider schrecken immer wieder Eltern zurück. Ich weiß nicht wieso! Ihnen scheint die Deutsche Wortstrategie sehr kompliziert zu sein.

 

Die Schüler müssen nicht gleich so viel wissen. Man kann mit ganz wenig Vokabular anfangen (Namen, einige Tätigkeiten und Gegenstände aus dem Alltag) ohne von dem restlichen (verborgene) Vokabular gestört zu werden. Aber eigentlich geht es ja darum, dass die SchülerInnen das Gerät bedienen können, nicht die Eltern! Mit anderen (reinen Dynamic Display) Talker, bei denen man bei Null anfangen muss und selbst den Aufbau der Seiten bestimmen kann/muss, habe ich keine guten Erfahrungen gemacht. Da waren die Lehrer, Eltern und dann auch die Schüler schnell überfordert, bzw. die Schüler unterfördert. Oftmals entsprachen die in langer Arbeit erstellten Oberflächen und Seiten sehr schnell nicht mehr den kognitiven Fähigkeiten und kommunikativen Bedürfnissen des Anwenders. Das Problem ist hier, dass der Anwender nur das zur Verfügung hat, was der "Einrichter" des Gerätes einprogrammiert hat. Das ist nicht viel anders, als wenn Nichtsprechende, die mit Ja/nein kommunizieren, darauf warten müssen, bis die richtige Frage gestellt wird, ohne darauf Einfluss nehmen zu können. Wortstrategie bietet quasi "alles" von vorneherein an und viele Benützer finden von alleine raus was alles gesagt werden kann.

 

Dazu kommt, dass wenn, wie Markus sagt, die Kinder unterfordert sind, dann alles umgestellt werden muss. Zum Beispiel von 9 Felder auf 15 Felder, weil das Vokabular gewachsen ist und weiter Oberbegriffe dazu gekommen sind. Dann bekommt der Benutzer ein völlig ‚neue` Talker und alles ist plötzlich woanders. Ich stelle fest, dass für die Delta-Talker und Power-Talker Schüler der motorischen Muster sehr wichtig ist. Sie wissen einfach auswendig, wo die Tasten sind und wie die Reihenfolge sich anfühlt. Angeblich gibt es Delta-Talker Benützer die das Gerät "blind" bedienen, sowie viele die PC Tastatur. So was wäre bei einem reinen Dynamic-Display Gerät, der mit dem Benützer "mit-wächst" kaum möglich.

 

Ohne Zweifel ist für abbildbare Begriffe ein Dynamic Display (Oberbegriffe und Unterseiten) vorteilhaft. Das bieten aber die Prentke Romich Geräte inzwischen, so dass man beides nützen kann. Das mühsame Programmieren von z. B. viele Tiernamen entfällt durch die Dialeisten des Power-Talkers oder die extra Seiten des Small-Talkers. Die Gefahr bei einem Dynamic-Display Gerät das man selber einrichtet, sehe ich auch darin, dass man bevorzugt abbildbare Begriffe (Nomen, Verben) speichert. (Wer die Sprache z.B. eines Kleinkindes kennt weiß, dass diese Begriffe nur ein Teil ihre Sprache ausmachen.) Weg bleiben dann leider häufig die schwer abbildbare Begriffe (z.b. zeitliche Begriffe), die aber so wichtig sind.

 

Ein weiterer Vorteil ist natürlich auch: Wenn mehrere SchülerInnen mit Power-Talkern (oder Small-Talkern) arbeiten, dann sehen Arbeitsmaterialien für alle gleich aus. Bei zwei anderen, zwar äußerlich gleichen Geräten, heißt das noch lange nicht, dass der selbe Satz mit den selben Tastenkombinationen erreicht werden kann. Jeder Anwender braucht also seine individuell erstellten Materialien (z.B. Vokabelheft, Lernspiel, etc.)

 

Ein gemeinsame Talkerrunde mit verschiedenen Gerätetypen ist mir schwer vorstellbar. Ich müsste zwei verschiedene Sprachen sprechen können, um die Schüler unterstützen zu können. Für alle Delta-Talker und Power-Talker Benutzer sind die Wörter (fast) gleich gespeichert und können namentlich von mir genannt werden (Taxi, Leute, Nomen), wenn jemand das (Bus) nicht mehr weiß. Mit den Wortstrategie Fonts kann man auch Vokabular auflisten und für alle sichtbar machen.

 

Ich finde die Deutsche Wortstrategie bzw. die Quasselkiste einfach gelungen !!

 

Catherine Draffin, Markgröningen und Markus Knab, SfK Karlsbad-Langensteinbach

Kommentare zum Beitrag:

30.11.2008, 14:11 Uhr - Reine Dynamic Display contra Minspeak (Mai 2005) - Markus Knab

Reine Dynamic Display contra Minspeak (Mai 2005)

eingestellt am: 30.11.2008, 14:11 Uhr
eingestellt von: markus

Kommentar:

Danke, dass dieser Beitrag eingestellt wurde. Ich möchte nur nochmal unterstreichen, was wir damals schon diskutiert hatten. Die Deutsche Wortstrategie oder auch schon die kleine Schwester Quasselkiste ist die einzige mir bekannte Möglichkeit, ganz frei sprechen zu können.

Egal, wie man in anderen Systemen versucht, das Vokabular zu ordnen, immer muss der Nutzer das Ordnungssystem das der Programmierer angelegt hat verstehen. Ordnet er alles nach Satzteilen, muss man Satzaufbau verstehen können. Ordnet man alles nach Wortarten, muss man Grammatik verstehen. Ordnet man nach Themen, muss man Überbegriffe bilden können. Und wenn man Unterseiten von bestimmten Bereichen bilden muss, weil der Platz nicht mehr ausreicht, dann wird es unübersichtlich.

 

Bei der Wortstrategie fängt jedes Wort auf der (Start-)Oberfläche, dem Deckblatt an. Der zu bildende Satz kann also frei in jede Richtung gehen. Nie stecke ich plötzlich in einem Unterbereich und muss erst zurück und dann in einen anderen Bereich wechseln, um ein gewünschtes Wort auszudrücken.

 

Wenn Erwachsene der Wortstrategie neu begegnen, versuchen die meisten, sie völlig kognitiv zu begreifen und meinen dann, nur so kann man sie nutzen. Aber durch Übung der immer gleichen Symbole, oder wie schon beschrieben, der immer gleich angeordneten Tasten und Wege, der Kombinationen, können Schüler oftmals verblüffend schnell (ev. schneller als die Lehrer) damit umgehen.

 

Würden wir (wenn wir selbst kein Französisch sprechen) einem Grundschüler die Fähigkeit absprechen, eine solche Sprache irgendwann umfassend sprechen zu können? Warum also sollte es nicht möglich sein, die "Sprache" Wortstrategie zu lernen.

 

Deshalb mei Appell:

Gebt Euch und der Wortstrategie mal einen Tag Zeit (ein paar Stunden). Am Besten zusammen mit jedem, der die "Sprache" schon kann. Und ihr werden sehen, dass es durchaus lernbare und nachvollziehbare Symbolkombinationen sind, die da angewandt werden.

Und vor allem: Traut es unseren Schüler zu!!!

 

Markus Knab

Informationen über den Autor:

Mitarbeiter der Beratungsstelle -Unterstützte Kommunikation- an der Ludwig Guttmann Schule Karlsbad, SBBZ kmE, Mitarbeiter Medienberatungszentrum für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung in Karlsruhe

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